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Die Rückkehr der Schrifttafel

Tablet-PC’s – das Schlagwort in der IT-Branche für das Jahr 2011. Waren in den Vorjahren Touchscreens, App-Stores und die Cloud die großen neuen Themen, soll jetzt die moderne Schrifttafel sein Publikum erobern.

Laut einer Studie zu diesem Thema in Deutschland, besitzen dort immerhin schon 3% der Bevölkerung zw. 14 und 49 Jahren einen Tablet-PC. Gar nicht schlecht, für knappe 8 Monate seit Markteinführung. 15% kennen das Wort/die Bedeutung Tablet-PC nicht, 85% hingegen in irgendeiner Form schon.

Wie es bei Technologie-Produkten so üblich ist, sind es die Männer und generell die Jüngeren, die besser darüber informiert sind. Die Early Adopter haben also zugeschlagen. Das iPad und Co. im Gegensatz zu den Business-Lösungen eher stärker für den privaten Gebrauch genutzt werden überrascht ebenfalls wenig. Interessant ist es, dass 40% mit dem Gedanken spielen, sich ein Tablet zumindest vielleicht zuzulegen (8% sicher). Durch die derzeit noch hohen Preise steigt mit dem Haushaltseinkommen die Kaufabsicht. Nicht-Käufer argumentieren durch nicht vorhandenen (bzw. nicht kommunizierten) Mehrwert bzw. das Preisargument.

Richtig spannend wirds allerdings, wenn man sich die Nutzung der Tablets ansieht. Die Basics stellen erwartungsgemäß Internet surfen, E-Mails lesen/empfangen und die App-Nutzung dar. Dass allerdings mit 59% mehr als die Hälfte das Tablet zum Musik hören nutzt, überrascht. Könnte man doch meinen, auf dem iPod oder ähnlichen MP3-Playern ginge das doch kostengünstiger und einfacher. Verständlicher da schon Nutzungsgruppe Nummer 2: das Video abspielen (52%). Clips von Youtube etc. am iPad schnell und unkompliziert anzusehen, dafür ist das Ding ja schließlich auch prädestiniert.

Nutzungsformen Tablet-PC's
Nutzungsformen Tablet-PC's, Quelle: Digitalbarometer 2011

Musikhören und Video-Clips abspielen – das kann ich aber auch mit anderen Geräten, also wo ist jetzt wirklich der Mehrwert? Wie schon bei Amazon’s Kindle-Reader, zielt auch die Tablett-Maschinerie darauf ab, den Print-Markt zu revolutionieren. Durchaus mit weitreichenden Hintergedanken: biete ich eine Lösung für die (ähnlich der Musikindustrie) stagnierenden bis rezessierenden Verlagshäuser, verdiene ich als Tablet-Hersteller erstens an den Apps mit (als Distributor) und kann mit meinem Produkt schneller die kritische Masse an Endkonsumenten erreichen. Ähnliches hat Apple schon mit der Einführung der iTunes-Plattform gemacht: mittels einer für Hersteller (Musiklabels) wie auch für Konsumenten einfachen und sicheren Software-Lösung trieb Apple damit erstens die Absätze seiner digitalen Musikplayer, die Nutzung von iTunes als Musikarchiv-Software (in Abgrenzung zu WinAmp und Ähnlichem), sowie die Monetarisierung des Internets für Musikprodukte voran. Mit den App-Entwicklungen sind gänzlich neue Wirtschaftszweige entstanden.

Aber zurück zu den Verlags- und Medienhäusern, wie gesagt, Musikhören im Trend. Tageszeitungen zu lesen rangiert bereits auf Rang 3 (45%), gefolgt vom Konsum ganzer Filme (44%), danach Zeitschriften (35%) und TV-sendungen (34%), Bücher rangieren nach Radio (34%) auf dem hinteren Rang mit 32%. Soweit die nackten Zahlen.

Vom Content her gesehen, liegen Nachrichten noch vor Unterhaltung vorne. Kein Wunder, am Tablet ist es möglich, Nachrichten als interaktiven, multimedialen Content aufzubereiten – mit allem was dazugehört. Wenn ich es als Medienproduzent schaffe, meine Inhalte den spezifischen Nutzungsgegebenheiten und technischen Möglichkeiten dieser Endgeräte anzupassen, können hier Umsätze generiert werden. Ganz ohne Anpassung der Inhalte geht es jedoch nicht, wie vor einigen Jahren das Beispiel von Handy-TV gezeigt hat. Einfach 1:1 meinen Broadcasting-Stream auf mobile Endgeräte zu koppeln, funktioniert nicht. Aus dem einfachen Grund, dass auf einem 3-5cm Display kein Nutzer länger als sieben Minuten zu sieht. Clips ja, ganze Sendungen nein. Dies könnte sich mit der Tablet-Technologie ändern, allerdings muss man neben den technischen Gegebenheiten auch die Umfeldsituation mit einberechnen. Nutze ich das Tablet eher wenn ich unterwegs bin? Wahrscheinlich. Bin ich in den eigenen vier Wänden, bin ich wohl mit Laptop, PC, Flat-Screen, etc. besser dran.

Womit wir wieder bei der Frage nach dem Mehrwert sind: einen ganzen Film am Tablet sehe ich mir höchstwahrscheinlich auf langen Zugfahrten oder Flügen an. Warte ich in der Früh auf den Bus, werde ich mir wohl eher die Titelseiten der gängigen Tageszeitungen anschauen und überfliegen, um nachrichtentechnisch halbwegs fit zu sein. Und hier bin ich auf die auf mich persönlich abgestimmten Nutzungsvarianten der Programmierung angewiesen. Meine persönliche Zeitung. Sagen wir, am Beispiel Österreich, ich möchte die Politik-News von Standard und Presse, die Chronik des Kuriers und den Sportteil der Krone. Warum soll ich mich auf einen Nachrichten-Provider verlassen, wenn ich alle haben kann – von jedem den Teil, der mir mehr zusagt. Natürlich ist der Medienmacher daran interessiert, dass sein Produkt so oft wie möglich konsumiert wird. In Zeiten des Internets und der theoretischen Freiheit von Information, funktioniert diese Art der Marktverknappung jedoch nicht mehr. Finde ich auf der einen Zeitungswebsite nicht, was ich brauche, surfe ich weiter. Mit einem Klick dank meiner Bookmarks.

Das Internet ist für Medien- und Unterhaltungsunternehmen eines der spannendsten und zugleich herausforderndsten Mediennutzungsformen. Niemals zuvor war ein möglicher Markt so innovationsgetrieben. Durch die Entwicklung neuer Endgeräte dringt das Medium in Lebensbereiche vor, die vor Jahren noch undenkbar gewesen wären. Neue Medienformen entwickeln sich, der Konsument bestimmt die Nutzungsformen. Dieser Trend beschränkt sich allerdings nicht nur auf die traditionellen Medien Film, Musik, Print, sondern auch auf die aus dem Internet Geborenen, wie soziale Netzwerke. Auch hier steigt der Innovationsdruck und das Schumpeter’sche Prinzip der kreativen oder schöpferischen Zerstörung greift.

Das „Digitalbarometer 2011“ on IP-Deutschland als PDF.

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Einschaltimpuls

Zugegeben, wenn man der aktuellen Diskussion in den heimischen Medien folgt, liegt beim staatlichen Rundfunk mehr als alles im Argen.

Was zum Teil sicher auch stimmt.

Gegen die Eigenproduktionen des ORF in den letzten Jahren (man denke voll Fremdschämen an Quotenhoffnung „Mitten im Achten“), floriert der türkische Soap-Markt direkt. Von Bulgarien über Griechenland, bis in den Kosovo werden die Familiendramen anscheinend exportiert. Wird sicher bei uns auch noch aufschlagen, schließlich will die Zielgruppe der Migranten und -innen auch entsprechend erschlossen werden – wenn auch nicht unbedingt von jedem Politiker ein Entgegenkommen in diese Richtung gern gesehen wird – die schauen dann wohl eher auf die Entwicklung in Ungarn.

Und zum Teil sicher nicht stimmt.

Gut, die Änderung des Namens und Logos werden jetzt nicht die gravierenden Konsequenzen haben, sind aber ein Schritt in die richtige Richtung. Schließlich soll das Öffentlich-Rechtliche hierzulande nicht dasselbe Schicksal ereilen, wie gegen Jahresende im nördlichen Nachbarstaat. Oder doch? Arbeitet ein öffentlich-rechtlicher Sender, der zunehmend wie ein Privater agiert, am Thema seines Auftrags vorbei? Sollte anstatt mit Docu-Soaps und Casting-Shows als Eigenproduktionen in direkter Konkurrenz mit den heimischen und deutschen Privaten zu stehen, auf die Kernkompetenzen fokussiert werden?

Sollte er. Angesichts der Tatsache, dass die heimische Suche nach den nächsten Laufsteg-Trullis auf dem sonst marktanteilsmäßíg eher moderat ausgestatteten privaten Puls 4 vom Stand weg Quotenrekorde einfuhr und es – man glaube es kaum – immer noch eine schier endlose Ressource der nachhaltigen Biomasse „Single-Bauer“ gibt, wodurch es „Bauer sucht Frau“ sogar schafft, sich eines Mittwochs mal als Marktführer in der Primetime zu platzieren. Imagemäßig stellen die Privaten den perfekten Nährboden für Boulevard-Berichterstattung, Casting-Formaten aller Art und rührseligen Lugner-Urlaubsreportagen dar. Nennt man dann „Marktführerschaft“. Das Wort kennt man beim ORF auch, das war die Situation bis vor einigen Jahren (und teilweise auch heute noch, wenngleich die Quoten sinken). Und Marktführerschaft wird durch Innovation angreifbar. Innovativ ist es allerdings nicht, den führenden heimischen Society-Moderator zu ködern und unerreichbare Erwartungen durch eine entsprechende Marketingkampagne zu schüren. Society und Boulevard – Privatmedien-Territorium. Eine Spendensendung wie „Licht Ins Dunkel“ wird auf einem Privaten auch eher nicht stattfinden. Das ist angestammtes Territorium des Öffentlich-Rechtlichen. Wobei Unterhaltung durchaus im ORF stattfinden soll und kann. Die „Seitenblicke“ auf ORF 2 sind immer noch Quotenbringer, vom Schifahren und dem Opernball ganz zu schweigen (die Topquoten 2009 im Überblick). Unterhaltung muss also nicht heißen, sich automatisch in die Niederungen des Boulevards zu begeben. Sendungen wie „Wir sind Kaiser“ oder die gesamte Donnerstag-Nacht-Schiene beweisen, dass Unterhaltung auch anders funktionieren kann, als der Jugend beim samstäglichen Komasaufen zuzusehen (was zugegebenermaßen sehr unterhaltsam ist und den sozialpornografischen Voyeur in Einem befriedigt, aber wie schon gesagt, besser zu den Privaten passt).

Neue Medien – auch ein Thema, bei dem der ORF zwar tapfer, aber auch etwas Strategielos agiert. Während 2007 noch eine Klage gegen Youtube geprüft wurde (sowas kennt man ja sonst nur von der schamlosen Musikindustrie), die Offensive des ZDF mit eigenem Kanal zur Bundestagswahl (Juli 2009) von Pius Strobl noch damit kommentiert wird, dass der ORF vom jungen Publikum ausreichend gesehen werde, hat man 3 Monate später mit Youtube-Verbreitung von Content kein so großes Problem mehr. Zugegeben, die TV-Thek des ORF ist eine Spitzensache, der Großteil des Publikums bewegt sich aber nun mal auf Plattformen wie Youtube, oder Facebook. Hier muss man dem ORF zu Gute halten, dass er innerhalb des letzten Jahres viel getan hat und hoffentlich noch tun wird. Information als Kernkompetenz – das steht außer Frage. Aber auch die Versorgung des Publikums mit Information über sämtliche verfügbaren Kanäle muss zur Strategie zählen.

Information – die Kernkompetenz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks überhaupt. Die Menschen durch neutrale Berichterstattung über gründlich recherchierte, relevante Ereignisse zu informieren (so ähnlich sagens die journalistischen Grundsätze – der Ehrenkodex der österr. Presse verlangt da noch viel mehr). Da muss man sagen, ist der ORF zumindest bemüht, keine politische Einflussnahme aufkommen zu lassen (und verteidigt zum Glück mit allen Mitteln die Pressefreiheit, wie beim Eiertanz um „Am Schauplatz“ -Sager oder Nicht-Sager.). Nicht ganz so klar wird die Geschichte bei der generellen Zusammensetzung der ORF-Granden bzw. des Publikumsrates (der skurrilerweise per Fernkopierer vulgo Fax gewählt wird). Die unabhängige Berichterstattung ist durch Nähe zur Politik immer gefährdet – Berufsrisiko sozusagen. Wenn die Möglichkeit besteht, die Führung eines Unternehmens nach Parteibuch zu bestimmen, selbst wenn die Fähigkeiten stimmen, ist Vorsicht angebracht. Im Gegensatz zu den privaten wird der öffentlich-rechtliche immer in einem gewissen politischen Spannungsfeld stehen – wer beißt schon gern die Hand, die einen füttert. Dem Journalismus muss dies aber zugestanden werden. Die Entwicklung in Ungarn – und noch viel Arger in Staaten im unteren Ranking der Pressefreiheit zeigt – wohin das sonst führen kann.

Der ORF ist tot, es lebe der ORF – geben wird es ihn immer und wenn ihm durch die Rahmenbedingungen einerseits und durch eine entsprechende Unternehmenskultur andererseits die Möglichkeiten eingeräumt werden, sich abseits von billigen Quotenforderungen (weil Werbegelder) zu positionieren, wohl stärker denn je. Und vielleicht läuft ja doch bei uns bald im Sinn der kulturellen Vielfalt die eine oder andere Folge von „Yaprak Dökümü„…