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Die Rückkehr der Schrifttafel

Tablet-PC’s – das Schlagwort in der IT-Branche für das Jahr 2011. Waren in den Vorjahren Touchscreens, App-Stores und die Cloud die großen neuen Themen, soll jetzt die moderne Schrifttafel sein Publikum erobern.

Laut einer Studie zu diesem Thema in Deutschland, besitzen dort immerhin schon 3% der Bevölkerung zw. 14 und 49 Jahren einen Tablet-PC. Gar nicht schlecht, für knappe 8 Monate seit Markteinführung. 15% kennen das Wort/die Bedeutung Tablet-PC nicht, 85% hingegen in irgendeiner Form schon.

Wie es bei Technologie-Produkten so üblich ist, sind es die Männer und generell die Jüngeren, die besser darüber informiert sind. Die Early Adopter haben also zugeschlagen. Das iPad und Co. im Gegensatz zu den Business-Lösungen eher stärker für den privaten Gebrauch genutzt werden überrascht ebenfalls wenig. Interessant ist es, dass 40% mit dem Gedanken spielen, sich ein Tablet zumindest vielleicht zuzulegen (8% sicher). Durch die derzeit noch hohen Preise steigt mit dem Haushaltseinkommen die Kaufabsicht. Nicht-Käufer argumentieren durch nicht vorhandenen (bzw. nicht kommunizierten) Mehrwert bzw. das Preisargument.

Richtig spannend wirds allerdings, wenn man sich die Nutzung der Tablets ansieht. Die Basics stellen erwartungsgemäß Internet surfen, E-Mails lesen/empfangen und die App-Nutzung dar. Dass allerdings mit 59% mehr als die Hälfte das Tablet zum Musik hören nutzt, überrascht. Könnte man doch meinen, auf dem iPod oder ähnlichen MP3-Playern ginge das doch kostengünstiger und einfacher. Verständlicher da schon Nutzungsgruppe Nummer 2: das Video abspielen (52%). Clips von Youtube etc. am iPad schnell und unkompliziert anzusehen, dafür ist das Ding ja schließlich auch prädestiniert.

Nutzungsformen Tablet-PC's
Nutzungsformen Tablet-PC's, Quelle: Digitalbarometer 2011

Musikhören und Video-Clips abspielen – das kann ich aber auch mit anderen Geräten, also wo ist jetzt wirklich der Mehrwert? Wie schon bei Amazon’s Kindle-Reader, zielt auch die Tablett-Maschinerie darauf ab, den Print-Markt zu revolutionieren. Durchaus mit weitreichenden Hintergedanken: biete ich eine Lösung für die (ähnlich der Musikindustrie) stagnierenden bis rezessierenden Verlagshäuser, verdiene ich als Tablet-Hersteller erstens an den Apps mit (als Distributor) und kann mit meinem Produkt schneller die kritische Masse an Endkonsumenten erreichen. Ähnliches hat Apple schon mit der Einführung der iTunes-Plattform gemacht: mittels einer für Hersteller (Musiklabels) wie auch für Konsumenten einfachen und sicheren Software-Lösung trieb Apple damit erstens die Absätze seiner digitalen Musikplayer, die Nutzung von iTunes als Musikarchiv-Software (in Abgrenzung zu WinAmp und Ähnlichem), sowie die Monetarisierung des Internets für Musikprodukte voran. Mit den App-Entwicklungen sind gänzlich neue Wirtschaftszweige entstanden.

Aber zurück zu den Verlags- und Medienhäusern, wie gesagt, Musikhören im Trend. Tageszeitungen zu lesen rangiert bereits auf Rang 3 (45%), gefolgt vom Konsum ganzer Filme (44%), danach Zeitschriften (35%) und TV-sendungen (34%), Bücher rangieren nach Radio (34%) auf dem hinteren Rang mit 32%. Soweit die nackten Zahlen.

Vom Content her gesehen, liegen Nachrichten noch vor Unterhaltung vorne. Kein Wunder, am Tablet ist es möglich, Nachrichten als interaktiven, multimedialen Content aufzubereiten – mit allem was dazugehört. Wenn ich es als Medienproduzent schaffe, meine Inhalte den spezifischen Nutzungsgegebenheiten und technischen Möglichkeiten dieser Endgeräte anzupassen, können hier Umsätze generiert werden. Ganz ohne Anpassung der Inhalte geht es jedoch nicht, wie vor einigen Jahren das Beispiel von Handy-TV gezeigt hat. Einfach 1:1 meinen Broadcasting-Stream auf mobile Endgeräte zu koppeln, funktioniert nicht. Aus dem einfachen Grund, dass auf einem 3-5cm Display kein Nutzer länger als sieben Minuten zu sieht. Clips ja, ganze Sendungen nein. Dies könnte sich mit der Tablet-Technologie ändern, allerdings muss man neben den technischen Gegebenheiten auch die Umfeldsituation mit einberechnen. Nutze ich das Tablet eher wenn ich unterwegs bin? Wahrscheinlich. Bin ich in den eigenen vier Wänden, bin ich wohl mit Laptop, PC, Flat-Screen, etc. besser dran.

Womit wir wieder bei der Frage nach dem Mehrwert sind: einen ganzen Film am Tablet sehe ich mir höchstwahrscheinlich auf langen Zugfahrten oder Flügen an. Warte ich in der Früh auf den Bus, werde ich mir wohl eher die Titelseiten der gängigen Tageszeitungen anschauen und überfliegen, um nachrichtentechnisch halbwegs fit zu sein. Und hier bin ich auf die auf mich persönlich abgestimmten Nutzungsvarianten der Programmierung angewiesen. Meine persönliche Zeitung. Sagen wir, am Beispiel Österreich, ich möchte die Politik-News von Standard und Presse, die Chronik des Kuriers und den Sportteil der Krone. Warum soll ich mich auf einen Nachrichten-Provider verlassen, wenn ich alle haben kann – von jedem den Teil, der mir mehr zusagt. Natürlich ist der Medienmacher daran interessiert, dass sein Produkt so oft wie möglich konsumiert wird. In Zeiten des Internets und der theoretischen Freiheit von Information, funktioniert diese Art der Marktverknappung jedoch nicht mehr. Finde ich auf der einen Zeitungswebsite nicht, was ich brauche, surfe ich weiter. Mit einem Klick dank meiner Bookmarks.

Das Internet ist für Medien- und Unterhaltungsunternehmen eines der spannendsten und zugleich herausforderndsten Mediennutzungsformen. Niemals zuvor war ein möglicher Markt so innovationsgetrieben. Durch die Entwicklung neuer Endgeräte dringt das Medium in Lebensbereiche vor, die vor Jahren noch undenkbar gewesen wären. Neue Medienformen entwickeln sich, der Konsument bestimmt die Nutzungsformen. Dieser Trend beschränkt sich allerdings nicht nur auf die traditionellen Medien Film, Musik, Print, sondern auch auf die aus dem Internet Geborenen, wie soziale Netzwerke. Auch hier steigt der Innovationsdruck und das Schumpeter’sche Prinzip der kreativen oder schöpferischen Zerstörung greift.

Das „Digitalbarometer 2011“ on IP-Deutschland als PDF.

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42 – The Number of the Cloud

42 – Das ist wohl die bekannteste Nummer des Planeten. Zumindest für alle, die soweit flügge in der Welt sind um „The Hitchhiker’s Guide To The Galaxy“ gelesen zu haben. Mehrmals. Die Idee zu dem Buch kam Adams übrigens 1971, als er sternhagelvoll in einem Feld in der Nähe von Innsbruck aufwachte, nachdem er einige Gösser vernichtet hatte. Vielleicht ist Innsbruck ja der Nabel der Welt, von wo aus man die visionären, kreativen Ideen empfängt…

42 – Das ist die Antwort auf das Leben, das Universum und überhaupt alles (auch Google rechnet richtig). Warum gerade 42, das wissen wir nicht. Ist wohl so unergründlich wie die Frage selbst und auch so gut wie jede andere Antwort. Die Zahl allerdings wird von einem gigantischen, von Mäusen (der zweitintelligentesten Spezies auf dem Planeten, nach den Delfinen, versteht sich) betriebenen Supercomputer errechnet – der Erde selbst. Gebaut vor Millionen von Jahren durch irgendwelche durchgeknallten multi-dimensionalen Selbstfindungsfanatiker, die unbedingt eine Antwort auf die Frage brauchten, damit sie wieder mal eine Nacht durchschlafen können.

Und da sind wir beim Thema. Zwar sind wir Menschen nicht multi-dimensional (zumindest noch nicht, soweit ich weiß), mit dem Rest kann man sich aber durchaus anfreunden. Und unser Supercomputer ist zwar nicht die Erde selbst, umspannt diese aber relativ lückenlos (zumindest in den Industrieländern, siehe auch diese Facebook-Karte). Früher hieß das Teil mal Internet, was mittlerweile aber sooo 80ies klingt, da nennen wir das wohl lieber Web 2.0. Auf die 3.0er Version warten wir ja alle schon gespannt und sie wird sicher in die Richtung der großen, alleswissenden Müllhalde, pardon Wolke gehen.

Die Vorstellung an sich ist schon schön: alle Daten schön gespeichert auf irgendwelchen Serverfarmen, die digitalen Endlager meines online-Fingerprints. Keine Programme mehr installieren, nur mehr darauf zugreifen. Keine Daten mehr irgendwohin laden, keine externen Festplatten mehr, Videotheken mit vollem Zugriff auf alle Filme, Musikstreaming-Services, da braucht man kein MP3-Archiv mehr…

Doch wie heißts so schön: Was zu schön klingt um wahr zu sein, ist meistens auch nicht wahr. Cloud-Computing wird sicher die Zukunft sein, allerdings wirds da noch ein wenig dauern, bis der Konsument mitbekommt, was da jetzt eigentlich von ihm verlangt wird. Wir sprechen hier jetzt nicht von den Early Adoptern, den Cracks und Nerds, sondern von der nachziehenden Mehrheit der Menschen, die dann zur kritischen Masse führen und dann explodiert ein Ding. War bei iTunes so, nachdem da die ersten 2 Mio. iPods den Besitzer gewechselt haben, gings auch mit der Plattform bergauf. War auch mit den Smartphones so. Kritische Masse in der Konsumentenschicht erreicht und puff, die Apps explodieren.

Die Cloud beginnt ja bereits jetzt stetig zu wachsen. Mit Spotify oder Simfy hab ich meine Musik überall dabei (zumindest, wenn das völlig veraltete territoriale Urheberrecht endlich mal erneuert wird), verlinkt nicht mit meinem PC, Notebook oder iPhone, sondern mit meinem Account. Dort, wo ich und meine Login-Daten sind, sind auch alle meine Songs. Und mit alle meine ich alle. Durch die Such- und Empfehlungsfunktionen ist das Ganze dann auch viel komfortabler, als wenn ich mich durch meine Externe und die einzelnen Alben-Ordner wühlen muss, bis ich was gefunden hab. Oder mir die iTunes Library wieder mal abschmiert, weil sie überfordert ist.

Die Cloud ist aber auch sowas wie Dropbox. Mittlerweile hab ich über zumindest 3 PC’s, 1 Notebook und mein iPhone Zugriff auf meine Daten, Word-Files, PDF, alles wird automatisch synchronisiert. Vorteil: geht die Festplatte in die Knie sind die Daten immer noch da. Unsterblich in der Cloud. Oder generell mit Anwendungen arbeiten. Keine Installation mehr nötig. läuft alles über das Web. Officelive zum Beispiel. Oder GoogleDocs.

Mit der Cloud werden aber auch Sachen so richtig Unkaputtbar. Früher konnte man durch Verhaften, Aburteilung und Hinrichtung der Rädelsführer relativ rasch ungünstige Meinungsmacher zum Schweigen bringen. In Zeiten des Internets geht das nicht so leicht. Das Internet ist die moderne Hydra. Schlägt man ihm einen Kopf ab (zB man verhaftet einen gewissen Julian Assange) und glaubt, damit wär alles geklärt, finden sich genug Freiwillige, die den Inhalt der betreffenden Website auf ihren Webseiten spiegeln und so die Datenmenge derart oft replizieren, dass es unmöglich wird, alle Versionen zu löschen. Die digitale Unsterblichkeit.

Klingt doch alles super, oder? Nur ist der Mensch meist ein besitzgesteuertes Individuum, dass sich zum Teil nur darüber definiert, was seinem Machtbereich unterliegt. Darum kaufe ich mir CDs und stell sie ins Regal – zum Posen. Bücher, von denen ich einige wahrscheinlich nie lesen werden, stelle ich mir rein, damit sie imponieren, wenn Gäste kommen. Der Flat-Screen, die Heimkino-Anlage, etc. Das alles ist Besitz. Warum tu ich mir das an und saug mir Terrabytes and MP3s und Filmen aus dem Netz, wenn ich über Streaming sowieso über kurz oder lang alles verfügbar habe? Nicht weil ichs so toll finde und mir immer die ganze Sammlung durchhöre. Sondern weil ich Besitzen will. Möglichst viel anhäufen und mein Eigen nennen. Meine eigene, persönliche Datencloud sozusagen. Mein Schatz. Die nur ich habe und mit der ich bei meiner Wohnungsparty angeben kann, weil ich den neuesten, heißesten Scheiß habe, der bei uns erst in 3 Monaten auf CD rauskommt.

Wenn es die Cloud-Anwendungen schaffen, dieses Besitzdenken umzulegen, auf die anarcho-demokratische Funktionsweise des Internets (oder den Begriff Besitz neu zu definieren), spricht sehr viel für den Erfolg dieser Anwendungsform und es könnte tatsächlich eine weltweite Wissensdatenbank entstehen, die noch größer ist, als alles bisher dagewesene und vor allem organisierter. Posen muss ich natürlich auch noch können. Zum Beispiel, in dem ich all meinen Freunden meine Playlist empfehle. Mit dem neuesten, heißesten Scheiß, der bei uns erst in 3 Monaten auf CD rauskommt, wenn überhaupt. Brauch ich keine CD-Sammlung dazu, Posen-Deluxe, das geht über das Internet und meine bis dahin 50.000 Facebookfreunde.

Vielleicht kommt die Cloud dann auch mal auf die Antwort nach dem Leben, dem Universum und überhaupt Allem. Vielleicht ist es auch 42. Vielleicht entwickelt sich daraus auch etwas Unzähmbares. Und statt 666 heißts dann 42 – The Number of the Cloud.

Music-Marketing – ein zeitgemäßes Modell?


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Bruce Warila von Unsprung Media hat im Music Think Tank einen interessanten Blog-Beitrag zum Thema „Digital Music can’t be marketed, it can only be found“ verfasst.

Besonders dieser Absatz seines Artikels beinhaltet eine interessante Theorie:

„I fully believe, of the five billion tracks sold on iTunes to date, a billion (20% or FAR more) have been sold to consumers that have NEVER seen the artist, have NEVER visited the artist’s website or MySpace page, and have NEVER had any interaction with the artist…other than exposure to a thirty second clip.  A billion(s) of iTunes purchase decisions have been driven off simple recommendation algorithms (those that liked X, also liked Y).“

Der Empfehlungs-Ansatz an sich ist ja nicht erst durch iTunes enstanden, sondern hat schon in den frühen Zeiten von Amazon und Ebay begonnen, dem User die Produkte anderer Benutzer aufgrund von Ähnlichkeitsprofilen vorzuschlagen. Warila beschreibt in seinem kurzen Artikel die Tatsache, dass Musik in Zukunft eigentlich nicht mehr nach marketingtechnischen Massstäben vermarktet werden kann, sondern hauptsächlich auf Empfehlungsbasis und Word-Of-Mouth basiert. Das heißt meiner Meinung nach nicht unbedingt, dass Musik nicht vermarktet werden kann. Es kann nicht mehr so kontrolliert vermarket werden, eventuell. Aber genau die Ansätze, die das Viral-Marketing-Konzept mit sich bringt, lassen sich auf Musik wunderbar anwenden. So wie Warila beschreibt:

„Fortunately for artists that make great songs, the same naked qualities that make music impossible to market, also make music the easiest product in the world to recommend.  Once again, I can’t think of another product that has the viral qualities that are inherent in music.  It’s the only product where the entire product (the MP3) can be easily attached to the recommendation.  Try doing that with chicken nuggets.“

Allerdings sollte die Tatsache nicht vergessen werden, dass im Dschungel der Produktionen und auch wenn Produkte weiterempfohlen werden, irgendwo eine Initial-Zündung erfolgen muss, die dem Konsumenten signalisiert „Ich bin jetzt verfügbar!“. Klar, man könnte von der Annahme ausgehen, dass alles, was verfügbar gemacht wird, früher oder später auch gefunden wird. Allerdings heißt die bloße Verfügbarkeit eines Produktes noch lange nicht, dass es akzeptiert bzw. konsumiert wird. Daher haben meiner Meinung nach klassische und auch moderne Marketing-Methoden immer noch ihre Daseinsberechtigung, wenn nicht sogar noch stärker als früher. Sich allein auf Schwarmintelligenz und Recommendations zu verlassen, kann langfristig nicht zum Erfolg führen.

Und trotzdem ist Warila’s Aussage interessant, weil er ein spezielles Phänomen des Internets für ein Produkt aufgreift, dass für die digitale Distribution prädestiniert ist. Ich stimme zwar nicht ganz mit ihm überein, wenn es heißt, Digitale Musik kann nicht mehr vermarktet werden, aber ich denke, dass Recommendations und Word-of-Mouth durchaus auch zum Teil durch Marketinginstrumente gesteuert werden können.

Genauso wie die Branche werden sich auch die wirtschaftlichen Instrumente verändern, um erfolgreich in einer neuen Umwelt agieren zu können.

Musik mit der Dose? Wertschätzung von Musik


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Irgendwie boomt ja das Geschäft mit der Musik. Live-Konzerte sind so beliebt wie nie, in den diverstesten Casting-Shows wird eine Eintagsfliege nach der anderen herangezüchtet, der Songcontest ist zwar fest in osteuropäischer Hand, dass hindert die deutschen Kollegen aber nicht daran, mit den No Angels ein Schwergewicht in den Ring zu schicken (gut, sie wurden Letzter – oder beschönigend ex aequo 23. mit Polen und Großbritannien – aber was soll man machen). Über die derzeitige musikalische Qualität der Beiträge kann man ja streiten, manche Beiträge sind ja nicht sehr ernst zu nehmen (zum Beispiel der liebe Dustin, der für die Ir[r]en ins Rennen gegangen ist). Gut, die CD-Verkäufe gehen zurück, keiner will mehr für Musik bezahlen (hat es den Anschein). Dafür gibts fast jeden Song irgendwo im Netz, gratis und komfortabel.

Aber wenn Musik so boomt, kann man das dann nicht für Marketingzwecke nutzen? Branded Music, ein Schlagwort von morgen, dass sich gerade selbst neu erfindet. Ob es der Werbesong (zB die Dandy Warholes durch Vodafone oder Jet einer eher unbekannten Band ist, der dieser als Sprungbrett in die obere Liga der Popularität verhilft, oder Musik als Promotion-Tool zur Absatzsteigerung („geben Sie den Code ein, den Sie auf der Verpackung finden und laden Sie sich den Song X von Band Y herunter!“).

Man kann Musik als Promotion-Tool allerdings auch professionalisieren und ein ganzes Geschäftsmodell daraus machen. Das hat damals mit der CD schon geklappt, die von den Hardware-Herstellern gepusht wurde, um den Absatz der teuren Abspielgeräte zu forcieren. Und es klappt auch in der digitalen Welt. Apple mit seinem iTunes Store macht nichts anderes, als durch Musik seine iPods zu vermarkten. Die 99-Cent-Preispolitik, die den Labels aufs Auge gedrückt wird, um praktisch und konkurrenzfähig die Musik anzubieten. Billige Musik ist toll, wer gibt nicht gerne mal einen knappen Euro oder Dollar für einen Song aus, als im Nachbarportal € 1,20 oder mehr auszugeben. Gut, ich brauche zum Abspielen einen iPod, aber wer hat den heutzutage nicht? Apple hat es durch Musik geschafft, seine Hardware unter die Leute zu bringen, genauso wie Sony und Phillips damals die CD gepusht haben.

Coca-Cola, ein Wahrzeichen der amerikanisierten Konsumgesellschaft, hat überhaupt ein eigenes Download-Portal ins Leben gerufen. In einigen Ländern Europas zumindest. Auch eine nette Geschichte, die Abwicklung läuft über iTunes, aber nichts desto trotz lässt sich das Portal ja wunderbar zu Promotion-Zwecken nutzen. Musik mit der Dose, sozusagen.

Musik als Ergänzung zu Werbung und Promotion, als emotionaler Identifikationsfaktor mit einem Produkt. Ohne kommt kaum irgendeine Werbung aus. Wie kann es also sein, dass Musik dem Konsumenten scheinbar so wenig wert ist, gemessen an der legalen Distribution?

Liegt es daran, dass unsere Gesellschaft schon so von Musik umgeben ist, dass wir ihr einfach keinen Wert mehr beimessen? Das wir sie vielleicht gar nicht mehr wahrnehmen, uns aber wohl auffällt, wenn plötzlich keine Musik mehr in unserem Leben steht?

Ein gutes Beispiel für eine Entwicklung in diese Richtung ist sicherlich das Radio geworden. Während man früher noch gespannt der Musik aus der Kiste lauschte, die neuesten Nachrichten vorgelesen bekam und und und, hat es sich mittlerweile zum Nebenbei-Medium entwickelt. Wir nehmen teilweise gar nicht mehr wahr, dass das Radio uns im Hintergrund beschallt, werden nur noch kurz Aufmerksamkeit, wenn wir irgendeine relevante Info oder einen guten oder bekannten Song aufschnappen.

Ergeht es der Musik als Kreativprodukt gleich? Ist durch den schieren Überfluss, den das Internet geboten hat, der Wert dermaßen drastisch gesunken, dass wir kein Gefühl mehr dafür haben, welcher Aufwand hinter jedem Song steckt?

Der Künstler, der Songs schreibt, stundenlang das richtige Arrangement austüftelt, wochenlang probt und versucht Auftritte zu organisieren, es bis zur Plattenfirma schafft. Diese wiederum durch Marketingaktivitäten und gezielte Distribution dem Künstler zum Durchbruch verhelfen will und gleichzeitig natürlich davon lebt – all diese Maßnahmen sind massiv wertschöpfend für das Produkt Musik. Klar, die Grenzkosten für das Produkt sind marginal, die Fixkosten bleiben aber bestehen. Die Studiozeit kostet gleich viel, egal ob 1.000 oder 1 Million Stück verkauft werden. Ebenso die Marketingkosten, die meist nicht als variable Kosten aufgerechnet werden können.

Betrachtet man die Kostenstruktur eines musikalischen Werkes, ist es verwunderlich, dass ihm so wenig Wert angerechnet wird. Weniger verwunderlich wiederum ist eine relativ hohe Flop-Quote bei den Plattenfirmen, sprich die Anzahl der Produktionen, die ihre Initialkosten nicht wieder einspielen.

Ansätze wurden in den letzten Jahren viele entwickelt, die große Hoffnung ist immer noch das digitale Geschäft, dass allerdings nicht wie erwartet explodiert. Sind die Erwartungen zu hoch gesteckt? Sind die goldenen Zeiten der Musikindustrie vorbei? Wenn man von Deals wie Madonna mit Live Nation hört, das als erstes Beispiel der neuen Hoffnung „360°-Deal“ in die Annalen der Musikgeschichte eingeht, glaubt man wohl nicht so recht daran.

Recorded Music wird wohl auch in Zukunft nicht sonderlich an Wert gewinnen, solange es die Möglichkeit der preiswerten – weil: kostenlosen – Verbreitung über das Netz gibt. Eine Auffangmöglichkeit wären hier natürlich Flat-Fees der Internet-Provider, die dann entsprechend an die Plattenfirmen, respektive Künstler, weiterverrechnet werden. Allerdings ist bei solch einem Vorgehen Vorsicht angebracht.

Schlussendlich wird es sich in den nächsten Jahren dahingehend entwickeln, dass die Recorded Music teils als Mehrwert-Produkt vermarktet wird. CD’s werden in optisch ansprechenden Packages verkauft werden, die dem Kunden einen richtigen Mehrwert bieten. Schließlich hat die CD, die im Regal steht ja auch einiges mehr zu bieten, als das Download-File, dass irgendwo in den tiefen der heimischen Festplatte oder des eigenen iPods sein dasein fristet. Auch das Herzeigen der eigenen Sammlung hat mehr Sinn, wenn man das haptische Erlebnis mit einschließt und nicht bloß vor dem Screen sitzt und nur die Files herzeigt. Recorded Music ist einfach mehr als nur die reine Musik. Das Artwork, die Booklet-Gestaltung, ja sogar der Vorgang des Einlegens der CD in den Player sind einfach ein Mehrwert im Gegensatz zum Doppeklick am PC oder Laptop.

Auf der anderen Seite hat der digitale Download für beide Seiten seine Vorteile. Durch die kostengünstige Verbreitung kann das digitale File einerseits als Promotion-Tool dienen, um Künstler schnell und günstig zu verbreiten und einen minimalen Erlösstrom zu generieren, andererseits wird es dem Konsumenten leichter fallen, neue Musik zu entdecken und entdecken zu wollen. Durch Streaming-Services wie Last.fm, die mit einem Empfehlungssystem gekoppelt sind, fällt es jedem leichter, gezielt an neue Musik zu kommen, die einem eventuell gefallen könnte. Und die Tatsache des „Besitzes“ eines Musikstückes wird auch in Zukunft noch eine Rolle spielen. Als Konsument wird man sich Songs vorhören, vielleicht einige Male in voller Länge, um danach die subjektiv als wirklich gute Lieder identifizierten Produkte gegen ein Entgelt herunterzuladen bzw. in weiterer Folge das Album des Künstlers zu kaufen.

Musik wird sicherlich auch in den nächsten Jahren noch wertgeschätzt werden, keine Frage. Allerdings wird sich diese Wertschätzung nicht wie bisher 1:1 auf die Umsätze umlegen lassen können. Durch die Möglichkeiten des Internets wird es jedoch möglich sein, gezielter als bisher die Konsumenten zu identifizieren und diesen einen entsprechenden Mehrwert zu bieten. Anstatt in die volle Breite zu gehen und jedem das Album aufs Auge drücken zu wollen, wird durch Incentives wie Pre-Listening oder dem einen oder anderen Gratis-Track, das Interesse an einem Künstler bzw. dessen aktuellem Album geweckt werden.

Das CD-Format wird genausowenig untergehen wie das klassische Vinyl. Zwar werden die Verkaufszahlen nicht mehr so stark sein, wie in der goldenen Ära der Compact Disc, aber verschwinden wird sie in den nächsten Jahren sicher nicht. Allerdings wird es zwei Strömungen der Musikdistribution geben: Auf der einen Seite die digitale Welt, die auf die breite Masse zielt und den Mainstream aktivieren will, andererseits das physische Album, dass an die wirklichen Fanbases der jeweiligen Künstler gebracht wird.

Musik wird nicht verschwinden und auch in der Wertschätzung nicht geringer wahrgenommen werden. Aber die Konsumgewohnheiten und Bezugsmöglichkeiten haben sich geändert und darauf müssen sich alle Beteiligten einstellen. Es liegt eine spannende Zukunft in diesem Bereich vor uns.