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Facebook-Sperre für den ORF – nein, danke.

Die KommAustria untersagte dem ORF den Betrieb von 39 Facebook-Seiten aufgrund §4f des ORF-Gesetzes. ORF, Politik und private Medien stehen im Diskurs, die Positionen könnten unterschiedlicher nicht sein. Facebook-Sperre für den ORF – nein, danke. weiterlesen

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Heldin von Morgen?

Wir habens wieder mal geschafft: das mittlerweile jahrelang trainierte und erprobte Casting-Show-Publikum hat sich wieder mal entschieden und ein neues Opfer der SMS-Interaktions-Voting-Wut gefunden. Mit knapp 600.000 Zuschauern waren auch die Quoten der Final-Show für diese Staffel hitverdächtig. Die Single erklimmt im Laufe des Samstag Vormittags locker die Nummer 1 bei iTunes, nicht verwunderlich bei derartig massivem Medienauftritt. Die Frage, die sich an dieser Stelle natürlich immer stellt, ist die, ob nach dem Erfolgsrausch nach dem Gewinn der Sendung jetzt die Ernüchterung folgt, oder ob hier langfristig eine Karriere aufgebaut werden kann. Die Geschichte zeigt, dass das Format Casting an sich erfolgreich ist (gemessen an den durchschnittlichen Zuschauerzahlen), die Karrieren der jeweiligen Gewinner allerdings eine äußert kurze Lebensdauer aufweisen. Im Fall von Christina Stürmer konnte man mit der damals Zweitplatzierten zwar eine wirklich erstaunliche Karriere auf die Beine stellen, an Michael Tschugnall, den damaligen Gewinner, erinnert sich allerdings kaum jemand. Wird ein ähnliches Schicksal jetzt der erstplatzierten Cornelia Mooswalder und ihrem Vize Lukas Plöchl blühen?

Die Anzeichen dafür sagen ja: Lukas Plöchl aka G-Neila mit seinem Projekt Trackshittaz bringt musikalisch eine (relativ) innovative Leistung auf Tapet: in Bester Manier der aktuellen Musikströmung, die durch Künstler wie David Guetta, Lady Gaga oder auch den Atzen salonfähig geworden ist, präsentiert er freche, jugendorienterte Texte mit charterprobten Beats. Zudem wirkt er dadurch authentisch, dass er auch vorher schon diese Art von Musik selbst erdacht und umgesetzt hat („Alloa beim Fraunz“, das Cover von Stromae beispielsweise existiert schon seit vor dem Sommer 2010). Er trifft auch den Nerv der jungen österreichischen Bevölkerung, die durch TV-Formate wie „Saturday Night Fever“ auf sozialpornografische Darstellung von Komsaufen und American Pie im Real-Life getuned sind wie der berühmte pavlow’sche Hund. Songs wie „3 Tage wach“ oder „Das geht ab“ haben das Feld geebnet.

Auf der anderen Seite haben wir mit Cornelia Mooswalder die typische Siegerin einer Casting-Show: das sympathische Mädel aus der Nachbarschaft. Allerdings fehlt ihr die schon oben erwähnte Authentizität. Durch ihre natürliche Art kann sie zwar Sympathien auf ihre Seite ziehen, allerdings ist ein Publikum immer unerbittlich. Vor allem, wenn gleich im Anschluss im Privat-TV das Casting für X-Factor beginnt, DSDS gerade am Laufen ist und der ORF natürlich auch noch mit seiner Songcontest-Show nachlegt (zu der nicht die Gewinnerin der eben erst zu Ende gebrachten Casting-Staffel fahren darf). Der Sieger-Song an sich folgt der gelernten und verinnerlichten Struktur des radiotauglichen, unaufdringlichen Pop-Songs. Tut nicht weh, bleibt aber auch nicht hängen. Die Thematik schon zehnmal durchgekaut, den Strophen- und Chorus-Aufbau schon 100 mal gehört. Ein wirklich schöner Song also, aber auch kein Aufreger – perfekt dem Format angemessen.

Am Besten also, wenn man die 100.000 Euro nimmt (von denen nach Abzug der Steuern eh nur mehr die Hälfte übrig bleibt) und diese in sinnvollere Aktionen als die Produktion und Veröffentlichung eines Albums steckt – nichts anderes war aber auch die Zielsetzung: anstatt sich in die Mühlen der Musikindustrie zu begeben und auf Teufel komm raus gehyped, promoted, durch die Medien gezogen zu werden um schlussendlich der Aufmerksamkeitsspanne und Sensationslust des Konsumenten nicht mehr standhalten zu können, ging es darum, sich während der Staffel bestmöglich zu präsentieren, dem Sender Quote zu bringen und dafür fürstlich belohnt zu werden – von einer Karriere wurde nicht mal im Kleingedruckten etwas erwähnt. Eine Win-Win-Situation sozusagen: Quote für den Sender, Kohle für den Sieger und ein Zweitplatzierter, der es vielleicht noch zu was bringt.

Aber was denkt das Publikum? (eine gute Gelegenheit, diese Umfrage-Tool mal zu testen)

Einschaltimpuls

Zugegeben, wenn man der aktuellen Diskussion in den heimischen Medien folgt, liegt beim staatlichen Rundfunk mehr als alles im Argen.

Was zum Teil sicher auch stimmt.

Gegen die Eigenproduktionen des ORF in den letzten Jahren (man denke voll Fremdschämen an Quotenhoffnung „Mitten im Achten“), floriert der türkische Soap-Markt direkt. Von Bulgarien über Griechenland, bis in den Kosovo werden die Familiendramen anscheinend exportiert. Wird sicher bei uns auch noch aufschlagen, schließlich will die Zielgruppe der Migranten und -innen auch entsprechend erschlossen werden – wenn auch nicht unbedingt von jedem Politiker ein Entgegenkommen in diese Richtung gern gesehen wird – die schauen dann wohl eher auf die Entwicklung in Ungarn.

Und zum Teil sicher nicht stimmt.

Gut, die Änderung des Namens und Logos werden jetzt nicht die gravierenden Konsequenzen haben, sind aber ein Schritt in die richtige Richtung. Schließlich soll das Öffentlich-Rechtliche hierzulande nicht dasselbe Schicksal ereilen, wie gegen Jahresende im nördlichen Nachbarstaat. Oder doch? Arbeitet ein öffentlich-rechtlicher Sender, der zunehmend wie ein Privater agiert, am Thema seines Auftrags vorbei? Sollte anstatt mit Docu-Soaps und Casting-Shows als Eigenproduktionen in direkter Konkurrenz mit den heimischen und deutschen Privaten zu stehen, auf die Kernkompetenzen fokussiert werden?

Sollte er. Angesichts der Tatsache, dass die heimische Suche nach den nächsten Laufsteg-Trullis auf dem sonst marktanteilsmäßíg eher moderat ausgestatteten privaten Puls 4 vom Stand weg Quotenrekorde einfuhr und es – man glaube es kaum – immer noch eine schier endlose Ressource der nachhaltigen Biomasse „Single-Bauer“ gibt, wodurch es „Bauer sucht Frau“ sogar schafft, sich eines Mittwochs mal als Marktführer in der Primetime zu platzieren. Imagemäßig stellen die Privaten den perfekten Nährboden für Boulevard-Berichterstattung, Casting-Formaten aller Art und rührseligen Lugner-Urlaubsreportagen dar. Nennt man dann „Marktführerschaft“. Das Wort kennt man beim ORF auch, das war die Situation bis vor einigen Jahren (und teilweise auch heute noch, wenngleich die Quoten sinken). Und Marktführerschaft wird durch Innovation angreifbar. Innovativ ist es allerdings nicht, den führenden heimischen Society-Moderator zu ködern und unerreichbare Erwartungen durch eine entsprechende Marketingkampagne zu schüren. Society und Boulevard – Privatmedien-Territorium. Eine Spendensendung wie „Licht Ins Dunkel“ wird auf einem Privaten auch eher nicht stattfinden. Das ist angestammtes Territorium des Öffentlich-Rechtlichen. Wobei Unterhaltung durchaus im ORF stattfinden soll und kann. Die „Seitenblicke“ auf ORF 2 sind immer noch Quotenbringer, vom Schifahren und dem Opernball ganz zu schweigen (die Topquoten 2009 im Überblick). Unterhaltung muss also nicht heißen, sich automatisch in die Niederungen des Boulevards zu begeben. Sendungen wie „Wir sind Kaiser“ oder die gesamte Donnerstag-Nacht-Schiene beweisen, dass Unterhaltung auch anders funktionieren kann, als der Jugend beim samstäglichen Komasaufen zuzusehen (was zugegebenermaßen sehr unterhaltsam ist und den sozialpornografischen Voyeur in Einem befriedigt, aber wie schon gesagt, besser zu den Privaten passt).

Neue Medien – auch ein Thema, bei dem der ORF zwar tapfer, aber auch etwas Strategielos agiert. Während 2007 noch eine Klage gegen Youtube geprüft wurde (sowas kennt man ja sonst nur von der schamlosen Musikindustrie), die Offensive des ZDF mit eigenem Kanal zur Bundestagswahl (Juli 2009) von Pius Strobl noch damit kommentiert wird, dass der ORF vom jungen Publikum ausreichend gesehen werde, hat man 3 Monate später mit Youtube-Verbreitung von Content kein so großes Problem mehr. Zugegeben, die TV-Thek des ORF ist eine Spitzensache, der Großteil des Publikums bewegt sich aber nun mal auf Plattformen wie Youtube, oder Facebook. Hier muss man dem ORF zu Gute halten, dass er innerhalb des letzten Jahres viel getan hat und hoffentlich noch tun wird. Information als Kernkompetenz – das steht außer Frage. Aber auch die Versorgung des Publikums mit Information über sämtliche verfügbaren Kanäle muss zur Strategie zählen.

Information – die Kernkompetenz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks überhaupt. Die Menschen durch neutrale Berichterstattung über gründlich recherchierte, relevante Ereignisse zu informieren (so ähnlich sagens die journalistischen Grundsätze – der Ehrenkodex der österr. Presse verlangt da noch viel mehr). Da muss man sagen, ist der ORF zumindest bemüht, keine politische Einflussnahme aufkommen zu lassen (und verteidigt zum Glück mit allen Mitteln die Pressefreiheit, wie beim Eiertanz um „Am Schauplatz“ -Sager oder Nicht-Sager.). Nicht ganz so klar wird die Geschichte bei der generellen Zusammensetzung der ORF-Granden bzw. des Publikumsrates (der skurrilerweise per Fernkopierer vulgo Fax gewählt wird). Die unabhängige Berichterstattung ist durch Nähe zur Politik immer gefährdet – Berufsrisiko sozusagen. Wenn die Möglichkeit besteht, die Führung eines Unternehmens nach Parteibuch zu bestimmen, selbst wenn die Fähigkeiten stimmen, ist Vorsicht angebracht. Im Gegensatz zu den privaten wird der öffentlich-rechtliche immer in einem gewissen politischen Spannungsfeld stehen – wer beißt schon gern die Hand, die einen füttert. Dem Journalismus muss dies aber zugestanden werden. Die Entwicklung in Ungarn – und noch viel Arger in Staaten im unteren Ranking der Pressefreiheit zeigt – wohin das sonst führen kann.

Der ORF ist tot, es lebe der ORF – geben wird es ihn immer und wenn ihm durch die Rahmenbedingungen einerseits und durch eine entsprechende Unternehmenskultur andererseits die Möglichkeiten eingeräumt werden, sich abseits von billigen Quotenforderungen (weil Werbegelder) zu positionieren, wohl stärker denn je. Und vielleicht läuft ja doch bei uns bald im Sinn der kulturellen Vielfalt die eine oder andere Folge von „Yaprak Dökümü„…

SOS-Musikland.at

Wieviel Österreich verträgt der ORF?“ betitelt der Kurier einen Artikel vom 01. August 2008. Hintergrund des Artikels ist die Forderung der Musikschaffenden und der Musikindustrie Österreichs nach einer höheren Quote von heimischen Produktionen im öffentlich-rechtlichen Hörfunk. Laut AKM verlief ebendiese Quote in den letzten 18 Jahren massiv rückläufig.

Anteil heimischer Musik im ORF stark rückläufig
Anteil heimischer Musik im ORF stark rückläufig, Quelle: http://www.sos-musikland.at

Sieht man sich das Zugpferd des ORF, den nationalen Sender, das „Hitradio“ Ö3 an, staunt man nicht schlecht: nur 5,49%(!) des gesamten Musikprogrammes stammt von heimischen Produktionen. Eigentlich beängstigend für ein Land, dass sich mit Musik und Kultur rühmt.

Sieht man sich allerdings die Musiklandschaft in Österreich genauer an, zeigt sich eine äußerst diversifizierte und vielfältige Situation. Massenhaft kleine Labels, meist auch im Nischenbereich, versuchen so gut es geht sich gegen den internationalen Druck durchzusetzen und zu überleben.

Wobei Quotenregelungen nun nicht gerade das Gelbe vom Ei sein mögen, ist österreichische Musik wirklich so schlecht, um in den Medien etwas Annerkennung zu finden? Wollen die Österreicher womöglich gar keine heimische Musik hören?

Ö3 trat den Gegenbeweis zu SOS-Musikland an:

Die große Ö3-Hitwahl, so der Titel der Aktion, sollte die Lieblingssongs der Ö3-Hörer identifizieren. Laut eigenaussage haben „zehntausende Ö3-Hörer“ bei der Wahl nach dem Lieblingslied abgestimmt. Das Ergebnis (hier als PDF):

1. Bryan Adams – Summer Of ’69 (1983)
2. Queen – Bohemian Rhapsody  (1975)
3. Kid Rock – All Summer Long (2007)

dann auf Platz 6 der erste Österreicher:

6. Reinhard Fendrich – I am from Austria (1989)
gefolgt von
7. Christina Stürmer – Träume leben ewig (2008 )

Danach folgen nur mehr in sporadischen Abständen österreichische Beiträge.

Den Österreichern gefällt also gar keine heimische Musik? Zehntausende Hörer des größten Senders des Landes können doch nicht irren, oder?
Aber halt, die erste Frage wäre doch: wieviele Personen haben hier wirklich bei dieser Umfrage mitgemacht?
Dieser Zahl und einer schönen regionalen Verteilung kommt man hier auf die Spur: die Ö3-Hitwahl-Karte.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung waren es hier knapp 20.000 Votes. (siehe Screenshot). Außerdem konnten nur vorgegebene Lieder gewählt werden.

Gemessen an der Gesamtbevölkerung Österreichs ( 4.019.908 Personen zwischen 14 und 49 im Jahr 2001), hören in Österreich demnach in der Hauptzielgruppe  1.965.735 Personen Ö3, davon haben 1,02% bei der Hitwahl teilgenommen. (Berechnungsquellen: Statistik Austria 2001 bzw. Radiotest)

Die Ö3-Hitwahl repräsentiert demnach 1,02% der gesamten Ö3-Hörerschaft, womit die Aussagekraft dieser Umfrage wohl mehr als in Frage zu stellen ist. Natürlich, es handelt sich hierbei nicht um eine wissenschaftliche, statistische Analyse, dennoch stellt sich die Gefahr der Wahrnehmung und Akzeptanz eines verzerrten Bildes der Realität.

Um nun zu unseren anfänglichen Überlegungen zurück zu kommen:
Selbst die Hörerschaft des größten Senders des Landes bezieht bei einem Feldversuch keine repräsentative Stellung. Musik aus heimischer Produktion kann also durchaus gewünscht sein, warum sollte man ihr also keine Chance geben? Würde ein Superstar wie Falco auch heute noch international Erfolg haben, wenn der Start im eigenen Land damals so schwierig gewesen wäre wie heute?